Meditieren mit Kindergartenkindern


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Zusammen Ruhe finden: Meditation mit Kindern
Ein Artikel von Peter Schreiber

Sechs Kinder sitzen entspannt im Kreis. Der Raum ist warm, gemütlich und das Licht ein wenig gedimmt. In der Mitte flackert ruhig eine kleine Kerze. Die Aufmerksamkeit der Kinder ist völlig von dieser Kerze in Beschlag genommen. Nach fünf Minuten schlägt die Erzieherin eine kleine Glocke.........,

........die Meditationszeit ist vorbei.

Schon mit ganz einfachen Mitteln lassen sich kurze, meditative „Auszeiten“ in den Kindergartenalltag einbauen. Dabei muss Meditation kein stilles Angebot sein, sondern kann durchaus auch Kinder ansprechen, die mehr optisch/akustische Reizen benötigen.

Warum Meditation?

Die bekannte Psychologin und Autorin Oggi Enderlein spricht davon, dass viele Kinder bereits heute unter Burn – Out –ähnlichen Symptomen wie Erschöpfung, Kopfschmerz und Antriebslosigkeit leiden.¹ Aber natürlich ist Stress ein Lebensfaktor, der nicht vollständig ausgeschaltet werden kann und soll. Denn Kinder müssen in unserer hektischen Zeit lernen, wie sie mit Stress konstruktiv umgehen können, wie Stress umgangen und abgebaut werden kann.

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Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands, der in seinem neuen Buch die „Digitale Demenz“ – den Überkonsum von digitalen Medien anprangert, weist nach, dass sich durch regelmäßige Meditation Gehirnstrukturen verändern.² Das kombinierte Medations – und Yogaprogramm des Amerikaners Jon Kabat-Zinn zeigt deutliche Erfolge bei Stress und Depressionen innerhalb von nur acht Wochen. Dr. Heinz Hilbrecht berichtet in seinem neuen Buch Meditation und Gehirn, das während der Meditation das Gehirn sich selbst organisiert: es wachsen neue Nervenzellen und das denken wird schneller.³ Und die Harvard-Forscherin Sara Lazar zeigt in einer aktuellen Studie, dass 20 Minuten regelmäßige Meditation bereits erhebliche Auswirkungen auf unser Wohlbefinden, Gedächtnis, Kognition und Gesundheit haben.&sup4;

Dies bedeutet, dass Meditation einen wissenschaftlich nachweisbaren Einfluss auf unseren Körper hat – fernab aller Esoterik. Der Begriff ist oft eng mit dem Buddhismus verknüpft und tatsächlich stellt die Meditation ein wichtiges Element in den täglichen Übungen eines Buddhisten dar. Aber auch für westlich und weltlich orientierte Menschen bietet die Mediation viele Vorteile ohne religiöse Intentionen:

  • Stärkung der Konzentration
  • Loslassen, entspannen
  • Klareres Denken
  • Verringerung von Angst, Stress, Unruhe und Anspannung
  • Stärkung von sozialem Zusammenhalt (durch gemeinsame Meditation sowie innere Ausgeglichenheit)
  • Man muss also kein Buddhist sein, um in all diese Vorteile von Meditation zu kommen. Aber was ist das eigentlich – Meditation und wie wird meditiert? Eine erste Übung zum Selbsterfahren bietet die einfache Atemmeditation.

    Einfache Atemmeditation
    Nehmen Sie sich fünf Minuten Zeit und setzten Sie sich bequem an einen gemütlichen und ruhigen Ort. Atmen Sie zwei – drei Mal tief ein und aus, schließen Sie die Augen und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit sanft auf Ihren Atem. Fokussieren Sie Ihre Nasenspitze und spüren Sie einfach, wie die Luft des ein – und Ausatmens daran vorbeizieht. Es werden andere Gedanken auftauchen – der Abwasch wartet, ein Telefonat muss erledigt werden – lassen Sie diese Gedanken zu und kehren Sie dann sanft wieder zu der Betrachtung ihres Atems zurück. Beenden Sie nach fünf Minuten diese Übung, öffnen Sie langsam die Augen und kehren Sie in Ihren Alltag zurück. So einfach ist das Meditieren!

    Meditieren bedeutet fokussieren, den Geist zur Ruhe bringen und konzentriert (achtsam) etwas tun. Daher kann jede Betätigung, selbst das Abwaschen, zu einer meditativen Übung werden. Es braucht nicht viel, um meditieren zu können, gleichwohl ist das Angebot an Sitzkissen, Bänken und Bekleidung recht groß. Wichtig für einen guten Sitz ist ein guter Untergrund, der es ermöglicht, aufrecht und gerade zu sitzen – sei das nun Kissen, Decke oder ähnliches.

    Warum Meditation für Kinder?

    Viele östliche Kulturen sind mit der Mediation eng verbunden, schon Kinder meditieren regelmäßig im Elternhaus, in der Schule, im Kindergarten. Nicht immer spielen dabei religiöse Gründe eine Rolle, denn man schätzt seit Jahrtausenden die Vorteile der Mediation, die ganz unmittelbar zum Tragen kommen (z.Bsp. größere Ruhe, Konzentrationskraft usw.). Die Mediation hat einen festen Platz im Tagesablauf und ist völlig alltäglich. Genauso wie in der KiTa wiederkehrende Rituale wie zum Beispiel der Begrüßungskreis, Angebote usw. stattfinden, genau so lässt sich auch eine tägliche Meditationseinheit anbieten. Nur so, durch alltägliches Üben, lässt sich ein deutlicher Zuwachs an innerer Ruhe erreichen. Damit kann ein Gegengewicht geschaffen werden, dass Kindern ermöglicht, Zuflucht von ihrem stressigen Alltag zu finden. Kurze Augenblicke der bewussten Besinnung reichen oft für einen ganzen Tag.
    Neuere Untersuchung zeigen oft, dass schon Kindergartenkinder nahezu vollständig in der elektronischen Welt angekommen sind5, da wird Fernsehen geschaut, Computer gespielt, oft schon das erste eigene Handy benutzt. Die Meditation setzt dem Fernsehen, das hunderte von Bildern pro Minute liefert die Ruhe des Atems entgegen. Normalerweise Atmen wir ca.12 – 18 Mal pro Minute, wird sich auf das Atmen fokussiert, bringt dies den Geist ganz automatisch zur Ruhe.

    Einfache Achtsamkeitsübung
    Bei der Achtsamkeit geht es darum, wahrzunehmen, was gerade im her und jetzt passiert. Setzen Sie sich mit ca. sechs Kindern an einen Ort im Freien (bei schlechtem Wetter natürlich drinnen). Bitten sie die Kinder, sich entspannt hinzusetzen, und die Augen zu schließen. Nun soll auf alles geachtet werden:
    Welche Geräusche höre ich?
    Was rieche ich?
    Was fühle ich (zum Beispiel den Wind auf meiner Haut)
    Stellen Sie diese Fragen während der Übung, sagen Sie aber dazu, dass jetzt noch nicht darauf geantwortet werden soll – das würde die Ruhe stören. Nach ca. fünf Minuten bitten Sie die Kinder, das Erlebte vorzutragen.

    Neben der Ruhe und der verbesserten Konzentrationsfähigkeit ist aber noch ein weiterer, wesentlicher Aspekt wichtig: die Kinder lernen, Stress wirksam zu reduzieren und zwar dann, wann es notwendig ist. Einmal gelernt, kann das fokussieren auf den Atem jederzeit in Stresssituationen angewendet werden. Egal ob Prüfungsstress, Angst, Leistungsdruck. Dabei gilt jedoch zu beachten, dass die Mediation kein „Allheilmittel“ ist sondern lediglich helfen kann, Situationen erträglicher zu machen und hilft, diese leichter zu bewältigen. So findet die Meditation mittlerweile auch bei Phobien im Rahmen von Verhaltenstherapien Anwendung.
    Insgesamt kann regelmäßige Meditation zu einem harmonischeren Umgang von Kindern und Erwachsenen beitragen, denn da wo entspannte und weniger gestresste Menschen zusammen sind, ist es oftmals angenehmer.

    Meditieren mit Kindern

    Es ist notwendig, eventuelle Erwartungen fallen zu lassen, sonst drohen Enttäuschungen. Ähnlich wie Bewegungsangebote um ihrer selbst willen Angeboten werden (und nicht, um Spitzensportler schon im Kindergarten auszubilden) sollten Meditationsübungen etwas selbstverständliches sein, um den Geist zu formen. „Formen“ mag sich etwas streng anhören, aber genau darum geht es; zu lernen, den Geist auch unter ungünstigen Umständen zur Ruhe zu bringen. Buddhisten vergleichen den Geist gerne mit einem Affen, der kreischend von Ast zu Ast springt und kaum jemals still sitzt. Bei der Meditation geht es also darum, den Affen zu „zähmen“. Wie schnell und unbeherrscht der Geist von „Ast zu Ast“ springt wird deutlich, wenn man im Selbstversuch ca. 10 Minuten sitzt, sich auf das zählen der Atemzüge konzentriert und recht schnell bemerkt, dass man nach kurzer Zeit das Mittagessen des nächsten Tages plant oder noch einmal über den Kinofilm des letzten Wochenendes nachdenkt. All dies ist kein Problem, Ablenkung gehört dazu, wichtig ist, die Aufmerksamkeit dann wieder sanft auf die Meditation zu bringen. Auch Kinder erleben diese Unkonzentriertheit; gerade zu Beginn ist es Aufgabe der Pädagogen, dem Rechnung zu tragen. Kürzere Mediationseinheiten sind am Anfang besser (ein Richtwert sollten ca. fünf Minuten sein). Auch wichtig: Es gibt keine „schlechte“ Meditation. Auch wenn die Kinder einmal unruhig sind, abgelenkt werden, ist dies nicht schlimm. Mit nicht – wertender Aufmerksamkeit gilt es den Prozess zu begleiten.
    Um mit Kindern zu meditieren braucht es:

  • Einen angenehmen und ruhigen Raum der zum Verweilen einlädt und für die Kinder mit der Meditation assoziiert werden kann (Ruheraum o.ä.)
  • Rituale: Begrüßung, Mediation, Verabschiedung sowie einen festen wiederkehrenden Platz im KiTa Alltag
  • Eventuell Sitzkissen, Mediationskissen oder Bänke
  • Die richtige Haltung: Aufrecht im Schneidersitz bei geradem Rücken sollten die Kinder sitzen, die Hände könne gefaltet oder auf die Knie gelegt werden
  • Am wichtigsten aber einen geduldigen Pädagogen, der die Kinder in dem Kennenlernen der Meditation kontinuierlich begleitet.
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    Praxis: Einfache Meditation mit Kindern I

    Setzen Sie sich mit den Kindern an einen ruhigen, angenehmen Ort auf einen bequemen Untergrund (Kissen o.ä.) – Sitzen ist deshalb wichtig, weil sonst die Gefahr des Einschlafens besteht.

    Haltung:

  • aufrecht und gerade sitzen
  • so sitzen, dass eine stabile Haltung erreicht wird (zB Schneidersitz)
  • die Schultern dürfen losgelassen werden
  • der Kopf ist gerade, der Blick geradeaus
  • die Arme liegen entspannt im Schoß
  • die Hände sind gefaltet oder liegen locker übereinander
  • die Augen sind geschlossen
  • In dieser Haltung kann der Atem entspannt und ungehindert fließen.

    Schlagen Sie nun einen Ton, etwa mit einer Triangel, einer Glocke o.ä.. Die Kinder sollen den Ton verfolgen, bis er nicht mehr zu hören ist. Nach einer kurzen Pause schlagen Sie wieder. Diese Übung lässt sich nahezu beliebig fortsetzen und ist geeignet, die Kinder bei der Fokussierung zu unterstützen. Daher ist diese Übung ein sinnvoller Einstieg. Zu Beginn sollte nicht länger als fünf bis zehn Minuten zusammen meditiert werden.

    Praxis: Einfache Meditation mit Kindern II

    Setzen Sie sich mit den Kindern an einen ruhigen, angenehmen Ort auf einen bequemen Untergrund in die Grundhaltung. Die Kinder sollen nun auf ihren Atem achten, auf das ein – und ausatmen (siehe einfache Atemmeditation). Unterstützend können sie still bei jedem Einatmen „Ein“ und bei jedem Ausatmen „Aus“ denken. Ältere Kinder können zählen: ein -1 aus – 2 ein – 3 – bis 10 und wieder von vorne beginnen. Dies ist jedoch nur als Unterstützung gedacht – die eigentliche Mediation besteht darin, den Geist zu beruhigen und sich auf das Atmen zu konzentrieren.
    Nach fünf bis zehn Minuten ist die Meditation beendet.

    Mediation – auch für Erwachsene

    Bevor Kinder an die Meditation herangeführt werden, bietet es sich an, dass das KiTa Team diese einmal in der Gruppe kennenlernt – zwingend notwendig ist dies aber nicht. Ohne Probleme kann die Meditation zusammen mit Kindern „erforscht“ werden, Vorkenntnisse sind kaum nötig.
    Trotzdem kann dies eine spannende Teamerfahrung sein, denn wo immer Team im Alltag zusammenkommt, wir gesprochen, wird sich rege ausgetauscht und zugehört. Zusammen die Stille zu erleben und ruhig zu werden (also das, was wir unseren Kindern wünschen) ist eine gute Übung, zum Beispiel zum Einstieg oder Ausklang einer Teambesprechung.
    Egal ob mit Kindern oder im Team: Fangen Sie einfach an, es gibt im Prinzip keine richtige oder falsche Meditation.

    Fünf Fragen zum Thema

    1. Wie lange sollte meditiert werden?
    Zu Beginn nicht länger als einige Minuten, mit Kindergartenkinder maximal fünf Minuten. Im Verlauf von einigen Wochen kann diese Zeit gesteigert werden.

    2. Könnten die Eltern befürchten, dass hier mit ungewollten esoterischen oder religiösen Übungen gearbeitet wird?
    Es ist sicher wichtig, über Anlass und Hintergrund der Meditation aufzuklären. Ein Elternbrief, der das neue Angebot erklärt, ein Kurzvortrag auf dem Elternabend oder durch Tür – und Angelgespräche kann verdeutlicht werden, dass es sich hierbei um eine nicht – konfessionelle Übung handelt, die dem Kind zugutekommt. Wichtig ist auch, Vorurteile und Befürchtungen offen anzusprechen. Laden Sie die Eltern doch einmal ein, nachdem die Gruppe in ihren Ritualen gefestigt ist, einzeln dabei zu sein und zusammen zu meditieren. Auch können kurze Meditationsangebote zum Beispiel auf einem Elternabend eine Möglichkeit sein, Eltern mit der Thematik vertraut zu machen.

    3. Ich habe gelesen, dass Ziel der Meditation die Erleuchtung ist. Gilt das hier auch?
    Nun, ausgeschlossen ist sie nicht, allerdings ist Erleuchtung eher ein religiöser Begriff. Sicher: Im Buddhismus geht es darum, dem Buddha nachzueifern, der ja bekanntlich durch eigene Übung zur Erleuchtung fand, aber die westlich geprägte Meditation wie sie hier Anwendung findet, hat im Vordergrund das Ziel, den Geist zu schulen, zu beruhigen und ihm durch Fokussierung zu mehr Klarheit zu verhelfen – all dies sind wissenschaftlich nachprüfbare Resultate der Meditation.

    4. Einige Kinder klagen über Schmerzen im Rücken oder den Beinen, was tun?
    Natürlich darf die Position verändert werden. Es soll nicht darum gehen, sich oder die Kinder zu etwas zu zwingen. Gleichwohl können die Kinder ermutigt werden, eventuelle Spannungen im Körper kurz auszuhalten, bevor die Position verändert wird.

    5. Wir machen bereits Traumreisen im Kindergarten – ist das nicht dasselbe wie Mediation?
    Nein, denn während bei Traumreisen etwas vorgegeben wird (in der Regel wird ein Text vorgelesen oder etwas erzählt), lebt die Meditation von der Stille. Es geht hier nicht um die Imagination sondern – eher im Gegenteil – um das Loslassen von Vorstellungen.

    Literaturempfehlung:
    Meditation für Dummies – Wiley – Verlag
    Geh – Meditation, Arkana Verlag (eine etwas andere Art der Meditation, die als Ergänzung sehr interessant sein kann)
    Ganzheitliche Entspannungstechniken für Kinder: Bewegungs- und Ruheübungen, Geschichten und Wahrnehmungsspiele aus dem Yoga, dem Autogenen Training und der Progressiven Muskelentspannung, Ökotopia
    Yoga mit Kindern: Spielerische Freude an gemeinsamen Übungen, Nymphenburger Verlag
    Meditation für Skeptiker: Ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst, O.W. Barth Verlag

    1 Vgl.:Oggi Enderlein: Große Kinder: Die aufregenden Jahre zwischen 7 und 13, DTV 2010
    2 Vgl.: Sendung Gehirn und Geist vom 29.09.2011
    3 Vgl.: Meditation wirkt bis in die Zellen, Interview mit Dr. Hilbrecht in Buddhismus aktuell 3/2012
    4 Vgl.: Interview mit Sara Lazar, Spiegel 25.11.2008